Stadtentwicklung

Der Trend ist stark und spitzt sich mancherorts in Deutschland zu: Durch die Verstädterung wird bezahlbarer Wohnraum in den Großstädten immer knapper. Weltweit betrachtet, lebten im Jahr 2008 erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen rechnet mit weltweit fünf Milliarden Städtern im Jahr 2030, das wären 60 Prozent der Menschen. In Deutschland liegt der Urbanisierungsgrad sogar über dem globalen Durchschnitt. Während dadurch die Dörfer zusehends verwaisen, reicht das Wohnungsangebot in den Städten kaum mehr aus. Außerdem breiten sich gegenwärtig in den deutschen Metropolen Tendenzen zur Gentrifizierung aus: Durch Sanierung werden vorhandene Stadtteile aufgewertet.

Dadurch steigen jedoch die Immobilien- und Mietpreise, sodass die ansässige Bevölkerung durch wohlhabendere Bevölkerungsschichten verdrängt wird. Intelligente Stadtplanung ist daher ein wesentliches Handlungsfeld der Zukunft. Dabei geht es einerseits um bezahlbaren Wohnraum innerhalb einer stabilen Infrastruktur, die Wohnen und Arbeiten verbindet, soziales Miteinander ermöglicht sowie Grün- und Gemeinschaftsflächen bietet. Andererseits müssen ökologische Aspekte berücksichtigt sein. Wie lässt sich also die Lebensqualität für künftige Generationen erhalten?

Heidelberg

Etwas schaffen, das bleibt

Die Urbanisierung schreitet voran. Während vielerorts ländliche Regionen vereinsamen, wird es in den Städten immer enger. Um dennoch den heute lebenden und auch künftigen Generationen eine hohe Lebensqualität zu ermöglichen, engagieren sich die Sparkassen für die Entwicklung und Gestaltung ihrer Region. Wie das urbane Leben von morgen aussehen könnte, ist bereits heute in der „Bahnstadt Heidelberg“ sichtbar: Das Großbauprojekt ist ein Musterbeispiel ökologisch und ökonomisch nachhaltiger Stadtentwicklung. Die Sparkasse Heidelberg prägt den neuen Stadtteil mit – nicht nur als Finanzierer. Ihr Vorstandsvorsitzender Helmut Schleweis im Interview.

Helmut Schleweis’ Karriere in Kurzform: 1973 Abitur und Beginn der Lehre zum Bankkaufmann in der Sparkasse Heidelberg, 1977 Fachlehrgang in Rastatt, 1981 Lehrinstitut in Bonn, 1987–88 Führungsakademie des Landes Baden-Württemberg, 1988 Vorstand der Sparkasse als Stellvertreter mit Ressort, 1992 ordentliches Vorstandsmitglied und seit 2002 Vorstandvorsitzender. 

Ständig reisen Delegationen aus aller Herren Länder an, insbesondere aus Asien und den USA. Sie gehören aber nicht zu den jährlich drei Millionen Touristen, die die zauberhafte Altstadt Heidelbergs, das weltberühmte Schloss oder die renommierte Universität besuchen. Diese Gäste wollen die Bahnstadt sehen. Das 116 Hektar große Gelände auf dem ehemaligen Rangier- und Güterbahnhof ist eines der großen innerstädtischen Neubauprojekte Deutschlands und Europas. Vor allem aber ist es die größte Passivhaussiedlung der Welt. An der Entwicklung des Areals, dessen Investitionsvolumen auf rund zwei Milliarden Euro geschätzt wird, ist die Sparkasse Heidelberg wesentlich beteiligt. Mann der ersten Stunde und Motor war deren Vorstandsvorsitzender Helmut Schleweis. Im Interview blickt er zurück auf die Entstehungsgeschichte und nach vorn in die prosperierende Zukunft der ganzen Region.

Herr Schleweis, wie ist der aktuelle Stand der Dinge in der Bahnstadt?

Hervorragend. Wir sind mehr als zufrieden. Die wichtigste Nachricht ist, dass wir den zweiten Bauabschnitt um zwei Jahre vorgezogen haben. Der ursprünglich sehr ambitionierten Planung sind wir nun zwei Jahre voraus.

Andere Bauprojekte dieser Dimension konnten die Zeitpläne nicht halten, wie haben Sie das geschafft?

Der Zuspruch war stärker, als alle Beteiligten je erwartet haben. Wir hatten eher das Problem, dass wir mit der Erschließung des Geländes der Nachfrage nicht hinterherkamen. Sämtliche erstellte Wohneinheiten sind verkauft und auch für die restlichen Grundstücke sind viele ernsthafte Interessenten vorhanden. Der Bau beginnt dort, sobald die Erschließungsstraßen fertiggestellt sind. Es ist gerade gelungen, ein Multiplex-Kino anzusiedeln. Der Betreiber eines regionalen Fitnesszentrums verlegt seine Zentrale dorthin. Eine Baumarktkette hat schon eröffnet, bald kommt noch ein Möbelhaus – die Gewerbeflächen füllen wir jetzt sukzessive auf. Für uns geht die Bahnstadt langsam auf die Zielgerade. 2017 wird wohl alles fertig sein.

Das Leben dort hat also bereits begonnen?

Ja, so kann man es sagen. 2012 sind die ersten Bewohner auf eine Baustelle gezogen, jetzt leben dort schon 1.500 Menschen, 5.000 werden es am Ende sein. Rund 7.000 Menschen sollen dort arbeiten.

Welche Art von Arbeitsplätzen wird entstehen?

Das Herzstück des Bahnstadt-Campus ist „SkyLabs“. Das Gebäude bietet auf 19.000 Quadratmetern Büros und Laborflächen für Wissenschaft sowie Hightech-Unternehmen – und es ist bereits voll vermietet. Hinzu kommen dann Firmen für die Infrastruktur wie Einkaufszentren, Cafés, Copyshops ... 

Ist der Stadtteil vor allem für Berufstätige konzipiert?

Auf keinen Fall. Dort wohnen junge Familien, die die Nähe zum Arbeitsplatz, zur Uni oder zum Bahnhof schätzen. Aber auch Senioren, denen ihre Einfamilienhäuser zu groß wurden, sind dort hingezogen. Der Stadtteil erfüllt die unterschiedlichsten Bedürfnisse. Was die Bewohner eint, ist ihr Interesse an ökologischen Themen.

Ist die Bahnstadt ein „grünes“ Projekt?

Trotz ihres äußerst urbanen Charakters wird die Bahnstadt ein grüner Stadtteil. Die eine Seite mit den Gewerbegrundstücken grenzt zwar an den Hauptbahnhof, die andere Seite mit den Wohnquartieren jedoch an Felder. Die großzügigen Grünflächen bieten hohen Freizeitwert und beste Lebensqualität. Besonders ist natürlich das Energiekonzept, alles ist nach Passivhaus-Standard gebaut. Auch die Wärmeversorgung wird über regenerative Energien abgedeckt. 

 P17 Finanzierung von Infrastruktur und öffentlicher Daseinsvorsorge

Die Institute der Sparkassen-Finanzgruppe sind als Marktführer im Kommunalkreditgeschäft ein aktiver, verlässlicher und fachlich kompetenter Finanzpartner für die Entwicklung tragfähiger Lösungsmodelle zur Finanzierung von Infrastruktur und von Investitionen in die Daseinsvorsorge. 
Wichtige kommunale Investitionsprojekte im Bereich von Krankenhäusern, Kindertagesstätten, Schulen oder der Erweiterung der Pflegekapazitäten müssen ebenso finanziert werden wie umfassende Stadtentwicklungsmaßnahmen, wie zum Beispiel die Erschließung neuer Quartiere durch die Umnutzung von bereits besiedelten oder vormals industriell genutzten Flächen.
Im Jahr 2015 stellte die Sparkassen-Finanzgruppe dafür Kommunalkredite in Höhe von rund 82,0 Mrd. Euro bereit.

81,5   Mrd.  Euro für Kommunalkredite 2014
82,0  Mrd.  Euro für Kommunalkredite 2015
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Ein System zur passgenauen Berichterstattung der Sparkassen-Finanzgruppe

Wie entstand überhaupt die Idee zu diesem Vorhaben?

Immer mehr Firmen suchen nach zentralen Standorten, die Arbeit und Privatleben miteinander verbinden. Heidelberg hat Platz zum Bauen gebraucht. Doch hier lässt sich neues Baugebiet nur durch Konversion von Industriebrache, stillgelegtem Militär- oder Bahngelände, erschließen. 1997 hat die Deutsche Bahn AG ihren Güter- und Rangierbahnhof aufgegeben. Deren Immobilienverwaltung hatte die Idee, dieses Gelände, das übrigens etwas größer ist als Stuttgart 21, zu entwickeln. 

Hat die Kommune das Projekt allein geschultert?

Es gab riesiges Interesse, auch ortsfremder, sogar ausländischer Investoren. Aber die Stadt wollte sinnvollerweise die Kontrolle nicht völlig aus der Hand geben. Daher kam auch die Sparkasse als örtliches Unternehmen ins Spiel. Die Stadt fragte uns, ob wir einsteigen würden. Bald waren wir überzeugt, dass wir uns beteiligen müssen und sollten.

Wie verstehen Sie die Rolle der Sparkasse?

Bei allem, was wir tun, fragen wir uns zunächst, was eigentlich unser Auftrag ist. Wir sind kein Erwerbsunternehmen zur Gewinnmaximierung, sondern agieren im Auftrag der Gesellschaft, der wir zu nachhaltigem Wohlstand und hoher Lebensqualität verhelfen wollen. Die Prognose zum Bedarf war höchst positiv. Und wenn die Bevölkerung wächst, ergeben sich auch für die Sparkasse geschäftliche Perspektiven.

Die Bahnstadt Heidelberg ist die größte Passivhaussiedlung der Welt. Mehr als 1.500 Menschen leben bereits auf dem Areal, das 2017 fertig sein soll.

Der Bebauungsplan des 116 Hektar großen Geländes beinhaltet viele Grünanlagen und Spielplätze.

Das heißt, Ihr Haus hat selbst vor Ort investiert?

2007 gründeten wir mit der LBBW Immobilien GmbH und der Gesellschaft für Grund- und Hausbesitz Heidelberg (GGH) die Entwicklungsgesellschaft Heidelberg (EGH) und erwarben circa sechzig Hektar der ehemaligen Bahnflächen. Wir legten größten Wert darauf, dass die Baufelder für die jeweils rund 130 Wohneinheiten nicht nur unter dem monetären Aspekt vergeben werden, sondern auch nach qualitativen Kriterien. Investoren, die hier nur das schnelle Geld mitnehmen wollten, kamen für uns nicht infrage. Für die politischen Entscheidungsträger war es sehr beruhigend zu wissen, dass wir immer Rücksicht auf örtliche Belange nehmen würden.

War das denn wirtschaftlich vertretbar?

Natürlich musste die EGH ihre Investitionen zurückbekommen, vom Drauflegen kann keiner leben. Aber wir haben mehrfach die Grundstücke nicht zum höchsten Preis verkauft, sondern an denjenigen, der das beste Konzept hatte. Es geht nicht nur um Gewinn, sondern um bestmögliche Qualität. Damit so ein Stadtteil funktioniert, muss man mehr bieten als Wohnraum. Als EGH haben wir bislang eine Kindertagesstätte und zwei Spielplätze gebaut, am kommenden Bürgerschaftszentrum mit einer weiteren Kindertagesstätte und einer Grundschule werden wir uns auch beteiligen. Und nachdem im Juni 2012 die ersten 300 Menschen eingezogen waren, eröffnete die Sparkasse Heidelberg im November eine Geschäftsstelle mit zwei Mitarbeitern. Wir waren die erste Infrastruktur im neuen Stadtteil. 

Eine Filiale für 300 potenzielle Kunden? 

Wir wollten das Zeichen setzen: Wenn so etwas entsteht, sind wir die Ersten, die da sind, nah bei den Menschen. Der Bedarf an Bankdienstleistung ist schließlich sofort da. Zwei Mitarbeiter sind für den Anfang noch zu viel, wir erwarten aber bis zu 5.000 Bewohner. So entstand sofort ein Treffpunkt, wo man Informationen bekam, sich kennenlernte und austauschte. 

Was fasziniert Sie persönlich an der Bahnstadt?

Das inhaltliche Konzept vor allem. Es ist aber auch faszinierend, dabei zu sein, wenn etwas Neues entsteht, ein ganz neuer Stadtteil, das passiert nur alle zwei, drei Generationen. Das Planungsrecht liegt natürlich bei der Stadt und der Heidelberger Oberbürgermeister Dr. Eckart Würzner ist Treiber der Entwicklung. Aber wir waren als einer der Akteure an jedem Schritt beteiligt. Zudem ist die Bahnstadt einer der ersten Belege für den Erfolg des Heidelberger Modells der Bürgerbeteiligung. Für uns als Unternehmen ist das Wachstumspotenzial interessant, das wir sehen. Wenn dort künftig viele Tausend Leute wohnen, sich Unternehmen und Forschungseinrichtungen ansiedeln, dann rentiert sich das für alle. Nur später. Vielleicht in zehn Jahren oder zwanzig. Es ist eben langfristig angelegt. Das ist Zukunftsinvestition.

Ist die Bahnstadt somit ein Paradebeispiel für die Philosophie der Sparkassen?

Sparkassen sind dazu da, dafür zu sorgen, dass Geld aus der Region in der Region bleibt. Bei uns weiß der Anleger, dass sein Geld hier mehr Wohlstand und Wertschöpfung bringt. Wir wollen dort Finanzdienstleistung bieten, wo die Menschen leben. Wir sind greifbar, wir kennen die Region. Unsere Mitarbeiter sind Nachbarn, Freunde, Vereinskameraden unserer Kunden. Einer unserer strategischen Leitsätze lautet: Wir investieren in Menschen und Märkte, nicht in wirtschaftliche Kennziffern. 

Das ist Ihre Definition von Nachhaltigkeit? 

Ja. Der Begriff kommt zwar aus der Forstwirtschaft, aber er bedeutet, immer an die nächste Generation zu denken. Der Vorstand einer Sparkasse übernimmt, wie ein Staffelläufer, Dinge auf Zeit. Er sollte diese besser hinterlassen, als er sie vorgefunden hat. Oder zumindest gleich gut. Er sollte nicht nur den Vermögenswert seines Instituts verbessern, sondern sagen können, in der Zeit, in der ich verantwortlich war, habe ich etwas erreicht, das über meinen Einsatz hinaus für die Gesellschaft wirkt. Eine solche Aussage macht mich persönlich glücklicher, als sagen zu können, ich habe den Umsatz gesteigert. Die Bahnstadt ist ein schönes Beispiel. Die bleibt.