Frauenförderung

Stabiles Wirtschaftswachstum, immense Exportstärke, hohe Beschäftigung und soziale Stabilität kennzeichnen unser Land. Doch es mehren sich Stimmen, dass der Wirtschaft die Fach- und Führungskräfte ausgehen. Das hängt unter anderem mit der geringen Zahl an Frauen in Spitzenpositionen zusammen. Obwohl Studien mittlerweile belegen, dass Unternehmen mit hohem Frauenanteil an der Spitze bessere wirtschaftliche Ergebnisse erzielen, bleiben die Potenziale gut ausgebildeter Frauen oft ungenutzt. Die Diskussionen um eine Quotenregelung erhitzten nicht nur im Bundestag die Gemüter.

Das Gros der Frauen, die heute in Vorständen oder als Konzernlenkerinnen arbeiten, lehnen sie weitgehend ab, weil Talent und Qualifikation entscheidend seien und nicht Geschlecht. Was muss geschehen, damit mehr gut ausgebildete, fähige Frauen den Schritt in die Führungsetagen gehen (können)? Was muss sich in unserer Arbeitswelt ändern? Fehlt es den jetzigen Firmenlenkern an Courage oder der Fantasie, Frauen zu fördern und andere Führungsstile zuzulassen? Müssen Unternehmen mehr Initiative ergreifen, um sich für weibliche Führungskräfte attraktiver darzustellen?

Aschaffenburg/Verden

Vom Geben und Nehmen

Frauen in höchsten Führungspositionen sind in der deutschen Wirtschaft selten. Die Sparkassen sehen den Nachholbedarf und haben Instrumente wie das S-Mentoring zur Frauenförderung entwickelt. Sie wirken bereits: Sandra Peetz-Rauch hat es  als erster Mentee in die Vorstandsetage der Sparkasse Aschaffenburg-Alzenau geschafft – unterstützt hat sie dabei Silke Korthals, Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse Verden. Wir haben die beiden Vorständinnen bei einem Treffen begleitet. Ein Dialog. 

Die beiden Vorständinnen Silke Korthals (l.) und Sandra Peetz-Rauch treffen sich heute gern privat zum Erfahrungsaustausch.

Frau Peetz-Rauch, Sie sind seit März Vorstandsmitglied der Sparkasse Aschaffenburg-Alzenau im bayerischen Unterfranken. Was sind Ihre ersten Erfahrungen?

Sandra Peetz-Rauch: Ich fühle mich sehr akzeptiert. Fachlich kann mich wenig überraschen. Es geht jetzt erst einmal darum, die Besonderheiten und sämtliche Abläufe des Hauses aufzunehmen, Vertrauen zu den Mitarbeitern aufzubauen, unsere Kunden und öffentliche Personen kennenzulernen und herauszufinden, welche Themen ich angehen muss. Ich denke, es dauert einige Zeit – auch über die berühmten 100 Tage hinaus.

Silke Korthals: Ich bin unglaublich stolz auf sie. Frau Peetz-Rauch selbst hat fachlich und persönlich überzeugt. Dass sie auf Anhieb in den Vorstand aufgerückt ist, ist die schönste Belohnung für mich.

Sandra Peetz-Rauch: Das Mentoring-Programm hat mich beflügelt und mir Sicherheit gegeben.

Wie haben Sie zueinander gefunden?

Silke Korthals: Als die Mentoring-Initiative startete, war mir sofort klar, dass ich dieses Programm unterstützen will. In Niedersachsen war ich viele Jahre die einzige Vorständin, eine Exotin. Offizielle Briefe begannen immer mit „Sehr geehrte Frau Korthals, sehr geehrte Herren ...“. Ich engagiere mich gerne dafür, dass es mehr Frauen in herausragenden Führungspositionen in der Sparkassen-Finanzgruppe gibt. Ich habe einst selbst Förderer gehabt, die mich auf meinem Weg begleitet haben, wofür ich immer sehr dankbar war. Nun kann ich meinerseits einen Beitrag leisten, Menschen zu begleiten. Im eigenen Haus und eben auch im Mentoring-Programm.

Sandra Peetz-Rauch: Mir wurde früh signalisiert, dass ich das Potenzial für solch eine Führungsaufgabe besitze. In meiner Ausbildungssparkasse Wesermünde-Hadeln hat man mich intensiv gefördert. Etwa 2010 wuchs dann der Wunsch, eines Tages Vorstandsmitglied zu sein. Als ich mich 2012 beim Mentoring-Programm beworben habe, war ich bereits direkt dem Vorstand unterstellt und hatte umfangreiche Kompetenzen und Verantwortung. Bei dem Auswahl-Treffen im April 2013 habe ich Frau Korthals kennengelernt.

Wie war Ihre erste Begegnung?

Silke Korthals: Wir haben uns beim Treffen der Mentoren und Mentees in Neuhardenberg kennengelernt. Ich kannte ihre Vita, die fachlich bereits die wesentlichen Qualifikationen für eine Vorstandstätigkeit aufwies. Ihr persönlicher Eindruck überzeugte mich sofort davon, dass sie auch die Persönlichkeit für eine Führungs- und Vorstandsaufgabe hat.

Sandra Peetz-Rauch: Zwischen uns hat gleich die Chemie gestimmt, da war sofort Vertrauen.

Was meinten Sie denn, fehlte Ihnen noch, um in das Bewerbungsverfahren für eine Vorstandsposition einzusteigen?

Sandra Peetz-Rauch: Fachlich fühlte ich mich schon stark. Mir fehlte noch die Selbstsicherheit. 

Welche Schwerpunkte haben Sie innerhalb Ihres Mentorings gesetzt?

Silke Korthals: Frau Peetz-Rauch befand sich bereits in enger Abstimmung mit ihrem Vorstand in Bremerhaven. Wir haben dann eigentlich nur noch einmal ihre Prioriäten bearbeitet. Wir stimmten die zentrale Frage ab: Bis wann wollen Sie was erreicht haben? Außerdem besprachen wir, ob es erst eine Position als Vorstandsvertreterin sein sollte oder der direkte Weg in den Vorstand.

Sandra Peetz-Rauch: Mir hat das sehr viel Mut gemacht. Das Schwierigste ist, eine Sparkasse zu finden, die zu einem passt. Ich durfte Frau Korthals einen Tag lang in Verden begleiten. Das war sehr spannend, einmal ein ganz anders aufgestelltes Haus kennenzulernen.

Silke Korthals: Sie musste sich bei uns in einer Sitzung präsentieren, ich wollte sehen, wie sie das meistert. Mit Bravour.

Sandra Peetz-Rauch: Umgekehrt hat auch Frau Korthals mich besucht und im Bankalltag beobachtet. Ich konnte viel von ihr lernen. Sie ermöglichte mir einen intensiven Überblick über Vorstandsthemen und wir diskutierten mögliche Handlungsalternativen. Ihre Motivation hat mir sehr viel Energie und Kraft gegeben.

Silke Korthals: Die Zusammenarbeit war auch für mich ein großer Gewinn. Dieses Erlebnis, wenn sich zwei Menschen einander öffnen und ihre Erfahrungen austauschen, habe ich sehr genossen.

Sandra Peetz-Rauch (42) wurde Sparkassenkauffrau bei der Kreissparkasse Wesermünde-Hadeln in ihrer Heimatstadt Bremerhaven, dann diplomierte Sparkassenbetriebswirtin an der Deutschen Sparkassenakademie in Bonn. 2010 graduierte sie an der Wirtschaftsuniversität Wien als MBA in Management & Banking. Zurück in Bremerhaven stieg sie bis zur Abteilungsdirektorin Kreditrisikomanagement auf. Seit dem 1. März ist sie Vorstandsmitglied der Sparkasse Aschaffenburg-Alzenau.

Frau Peetz-Rauch, wann wurde Ihr Vorhaben dann konkret?

Sandra Peetz-Rauch: Durch das Mentoring-Programm war bekannt, dass ich auf dem Weg bin und ich bekam mehrere Angebote, da war mir Frau Korthals’ Rat eine große Hilfe. Im Juni 2013 habe ich zwei Bewerbungen geschrieben. Wir haben Situationen durchgespielt, die mir im Vorstellungsgespräch begegnen könnten. Später waren auch Vertragsfragen relevant.

Sie haben sich schließlich für Aschaffenburg entschieden ...

Sandra Peetz-Rauch: Ja, dort konnte man sich gut eine Frau als Nachfolgerin eines Vorstands vorstellen, der in den Ruhestand ging. Es gab 48 Bewerber, 4 absolvierten das Assessmentcenter mit Unterstützung der Sparkassenakademie Bayern, ich konnte mit Kompetenz und Persönlichkeit überzeugen, anschließend wurde ich als einzige dem Verwaltungsrat vorgestellt. Nach dem ersten Gespräch habe ich mich ausgiebig mit meinem Mann in Stadt und Landkreis umgesehen, ob wir uns vorstellen könnten, dort zu leben. Die Sparkasse Aschaffenburg-Alzenau ist eine erfolgreiche Sparkasse mit überzeugender Leistungs- und Vertriebskultur in der attraktiven Metropolregion Rhein-Main mit sehr positiven wirtschaftlichen Perspektiven.

Sie stehen nun nicht nur für einen Generationswechsel bei der Sparkasse Aschaffenburg-Alzenau, sondern heben auch den Frauenanteil ...

Sandra Peetz-Rauch: In Bayern sind zehn von 189 Vorständen weiblich, in Niedersachsen gibt es fünf Vorständinnen. Das liegt einerseits immer noch an fehlenden Förderungen und Netzwerken, andererseits hängt das aber auch damit zusammen, dass viele Frauen diese Verantwortung gar nicht wollen, obwohl prozentual mehr Frauen bei der Sparkasse arbeiten als Männer.

Was halten Sie von der Diskussion um die Quotenregelung?

Sandra Peetz-Rauch: Gar nichts. Man wird nicht besetzt, weil man eine Frau ist, sondern weil man gut ist, man muss Ehrgeiz und Biss haben, Entscheidungen treffen wollen und können.

Silke Korthals: Das sehe ich genauso. Wir brauchen keine Quotenregelung, die Diskussion darum genügt, Maßnahmen anzuschieben. Ich bin für gemischte Netzwerke. Daher war es auch meine Bedingung, dass beim Mentoring-Programm auch Männer dabei sind. Frauenförderung ist wichtig und richtig, aber in erster Linie fördern wir Talente.

Frau Peetz-Rauch, was ist neu an Ihrer Aufgabe als Vorständin?

Sandra Peetz-Rauch: Die Entscheidungen an sich sind nicht schwieriger, aber die Vielfalt der Themen ist breiter. An die Öffentlichkeitswirkung muss ich mich noch etwas gewöhnen, dass ich oft in der Presse zu sehen bin und auf der Straße erkannt werde. Wobei diese Aufmerksamkeit durchaus schön ist. Es zeigt, dass die Sparkasse ein wichtiger Partner in der Region ist, die Menschen haben Interesse an uns.

Silke Korthals: Ja, wir sind Teil des gesellschaftlichen Lebens. Ich mag diese Nähe zu den Menschen, das ist ja auch Kundennähe.

Können Sie sich vorstellen, dass der Kontakt bestehen bleibt? 

Sandra Peetz-Rauch: Unsere Treffen waren stets sehr zielorientiert, effizient und von viel Vertrauen geprägt. Ich würde mich riesig freuen, wenn wir uns weiterhin austauschen. Ich bin Frau Korthals sehr dankbar für alles, was sie für mich getan hat.

Silke Korthals: Sie haben das ganz allein sich selbst zu verdanken, ich war nur eine Begleiterin. Unsere Beziehung wird sich nun ändern. Denn Frau Peetz-Rauch ist kein Mentee mehr. Sie ist jetzt eine Vorstandskollegin und als solche werden wir natürlich in Kontakt bleiben.

Silke Korthals (50) wurde in Schleswig-Holstein geboren, studierte – nach ihrer Ausbildung bei einer Privatbank – Wirtschaftswissenschaften in Hamburg und Hannover. Bei der Kreissparkasse Hannover bzw. Sparkasse Hannover blieb die Diplom-Ökonomin 13 Jahre lang und stieg bis zur Direktorin auf. 2006 wurde sie Vorstandsmitglied und 2010 Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse Verden.

 H15 Förderung von Diversity

Den Vorständen der Sparkassen gehören 52 (2014: 54) Frauen an, das sind 4,9 Prozent (2014: 5,1 Prozent). Die Altersstruktur der Vorstände ist wie bei allen Kreditinstituten durch gesetzliche Anforderungen geprägt, die eine Zulassung als Vorstand von beruflichen Qualifikationsnachweisen abhängig machen und eine Mindestzahl von Berufsjahren voraussetzen. Insofern sind keine unter 30-Jährigen in diesem Organ vertreten.

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Unsere Indikatoren

Ein System zur passgenauen Berichterstattung der Sparkassen-Finanzgruppe

Die Mentoring-Initiative 

Im Februar 2011 startete der DSGV eine Initiative für Frauen in Führungspositionen und führte als einen Baustein das bundesweite S-Mentoring-Programm für die Sparkassen ein. Weibliche Nachwuchsführungskräfte können sich bei der S-Management-Akademie darum bewerben. Der Hintergrund: Obwohl Studien belegen, dass Unternehmen mit hohem Frauenanteil an der Spitze bessere wirtschaftliche Ergebnisse erzielen, bleiben die Potenziale gut ausgebildeter Frauen oft ungenutzt. Nur bei circa zehn Prozent der 200 größten deutschen Unternehmen sitzt eine Frau im Vorstand.

In der Sparkassen-Finanzgruppe sind es lediglich vier Prozent. Das soll sich in den nächsten Jahren durch gezielte Förderung und Qualifizierung ändern. Wer in der Kreditwirtschaft einen Vorstandsposten anstrebt, muss Führungserfahrung und fachliche Kompetenzen mitbringen, die Paragraph 33 KWG vorgibt. Da sich diese häufig nicht in der eigenen Sparkasse erwerben lassen, sind institutsübergreifende Netzwerke gefragt. Im Programm des DSGV treffen sich Mentoren und Mentees bis zu zwei Jahre lang. Bisher sind 25 Sparkassen-Mitarbeiterinnen eine Patenschaft eingegangen.