Demografischer Wandel

Die Deutschen werden immer weniger und sie werden immer älter. Studien zufolge könnte die Bevölkerung bis zum Jahr 2060 um bis zu 17 Millionen Menschen zurückgehen, 2020 werden bereits 31 Prozent 60 Jahre und älter sein. Die Folgen sind schon heute spürbar, vor allem auf dem Land, insbesondere in ostdeutschen Gebieten. Die Tante-Emma-Läden sind weg, die letzten Fleischer und Bäcker schließen ihre Geschäfte. Die ohnehin weniger werdenden jungen Menschen ziehen in die Städte, weil sie in ihrem Heimatort keine ihrer Ausbildung entsprechende Arbeit finden. Zurück bleiben die alten Menschen, die weniger mobil sind und sich einer schwindenden Infrastruktur ausgesetzt sehen.

Es wird schwieriger, den Ruhestand zu genießen, wenn sich alltägliche Dinge wie Arztbesuch, Einkaufen oder die Freizeitgestaltung nicht mehr im eigenen Ort erledigen lassen. Mancherorts stimmen neue Denkansätze zuversichtlich: Dienstleistung muss mobil(er) werden. Können die Senioren nicht mehr zum Friseur gehen, muss der Friseur eben zu ihnen kommen. Auch die regionale Bündelung von Serviceangeboten kann ein – wirtschaftlich durchaus interessantes – Modell sein. Sie befördert gleichzeitig den Gemeinschaftssinn und die Kommunikation. Wie können wir trotz der demografischen Entwicklung die Grundversorgung insbesondere der ländlichen Bevölkerung erhalten?

Zabeltitz

Neues Leben auf dem Land

Nach Berechnung des Statistischen Bundesamts könnte Deutschlands Bevölkerung bis zum Jahr 2060 um 17 Millionen Menschen zurückgehen. 2020 werden bereits 31 Prozent der Bevölkerung 60 Jahre und älter sein. Dieser demografische Wandel ist in ländlichen Regionen bereits deutlich spürbar. Junge Menschen werden weniger und ziehen in die Städte, alte Ortsbewohner können kaum noch alltägliche Bedürfnisse stillen. Dem tritt der Ostdeutsche Sparkassenverband (OSV) mit der Sparkasse Meißen nun in Zabeltitz mit dem Pilotprojekt „Grosse Emma“ entgegen. Eine Innovation.

Im Zentrum von Zabeltitz, dem kleinen Ort an der Nordgrenze des Landkreises Meißen, steht die St.-Georgen-Kirche.

Was verbirgt sich hinter „Grosse Emma“?

Das Modellvorhaben ist der Versuch, regionale Versorgungsnetze im ländlichen Raum aufzubauen, sodass die Dorfbewohner ihre Heimat nicht verlassen müssen. Mit „Grosse Emma“ hat der Ostdeutsche Sparkassenverband (OSV) zusammen mit Sparkassen, Kommunen und Netzwerkpartnern eine ebenso einfache wie überzeugende Idee entwickelt, die es möglich macht, alltägliche Bedürfnisse im eigenen Wohnort weiterhin oder wieder zu erfüllen. 

Wie sieht das Modell konkret aus?

Mehrere Partner, die unterschiedliche Dienstleistungen anbieten, mieten gemeinsam ein Haus oder Teile einer Immobilie. Sie tüfteln einen Terminplan aus, wer an welchem Tag für die Kunden erreichbar ist. Immer dabei ist eine Sparkasse, die das Projekt organisatorisch und finanziell unterstützt. Kooperationspartner können Post- und Paketdienste, Krankenkassen oder Pflegedienste sein, aber auch Bibliotheken, Senioren- oder Jugendtreffs sind denkbar. Der Name „Grosse Emma“ wurde übrigens abgeleitet vom guten alten Tante-Emma-Laden, wo früher auch Alltagsartikel vom Apfel bis zur Zange käuflich waren. In den Mini-Zentren gibt es jedoch keine Lebensmittel, sondern Serviceangebote.

Was ist das Ziel des Projekts?

Es geht darum, in schrumpfenden Regionen die letzten Dienstleister zu halten und an einem Ort zu bündeln. Durch die gemeinsame Nutzung eines Hauses sinken die Miet- und Nebenkosten für die einzelnen Partner. Die Gemeinschaften bündeln noch vorhandene Serviceangebote der kleinen Kommunen und werden so zur zentralen, nahegelegenen Anlaufstelle für die Bewohner. Am Ende soll sich das natürlich wirtschaftlich rechnen. Das erste Haus hat Mitte Juni 2014 in Zabeltitz nahe Meißen eröffnet.

Warum ist die „Grosse Emma“ notwendig?

Der anhaltende Bevölkerungsrückgang führt vor allem auf dem Land dazu, dass Läden und Dienstleistungen verschwinden. Die wenigen jungen Menschen verlassen ihren Geburtsort, weil er ihnen keine Lebensperspektive bietet. Die Einwohnerzahlen sinken weiter und es lohnt sich für keinen Arzt, Fleischer oder Finanzdienstleister mehr, dort sein Geschäft zu betreiben. Dadurch wird es für ältere Einheimische zusehends schwieriger, Alltagsdinge wie Arzt- und Bankbesuche zu erledigen. Die Region verliert an Attraktivität. Dabei stehen die Sparkassen vor der besonderen Herausforderung, wie sie ihren öffentlichen Auftrag erfüllen können, flächendeckend Finanzdienstleistungen anzubieten.

Warum ist der Landkreis Meißen der erste Standort für das Pilotprojekt?

Weil hier der demografische Wandel seine Wirkung drastisch zeigt. „Im Jahr 2000 wurden die Filialen so wenig besucht, dass es 2001 erste Schließungen geben musste. Wir wollten aber natürlich weiterhin unseren Service bieten“, erzählt Andrea Kriebel, Vorstandsmitglied der Sparkasse Meißen mit Sitz in Riesa und 400 Mitarbeitern. „2003 starteten daher – nach dänischem Vorbild, wo es keine Bankfilialen auf dem Land gibt – zwei Bargeldagenturen: Einzelhändler, die noch da waren, bedienten die Kunden mit Zettel und Bleistift, auf Vertrauensbasis, total umständlich“, beschreibt Ralf Krumbiegel, Referatsleiter Vorstandsangelegenheiten, das einfache, aber funktionierende System. Doch die Bevölkerung nahm weiter ab. 2007 lebten im Landkreis noch 265.000 Einwohner, Mitte 2013 waren es nur noch rund 245.000. Die Sparkasse Meißen musste die 54 Sparkassen-Standorte auf jetzt 40 reduzieren. Dabei waren es in vielen Dörfern die Sparkassen, die als letzte gingen. Alle anderen Bankinstitute waren längst weg. Dort, wo Filialen schlossen, wurde das Angebot der Bargeldagenturen ausgebaut und modernisiert. Heute gibt es zehn Agenturen, bei denen mittlerweile ein EC-Terminal steht. „Das Beste daran ist, dass der Einzelhandel davon profitiert“, so Krumbiegel. „Wer Geld beim Bäcker holt, lässt sich vom Brot- und Kuchenduft verführen und kauft gleich noch etwas ein.“

Wie verlief der Weg von der Idee zur Umsetzung?

Schon 2009 begann der OSV, sich mit dem Thema Demografie intensiv zu befassen. Wie könne man auf dem Land präsent bleiben und doch betriebswirtschaftlich vernünftig arbeiten? Die Idee „Grosse Emma“ in Zabeltitz entstand, woraufhin der OSV das Modellvorhaben Regio-LAB (Regional-LABOR) entwickelte. Im März 2011 wurde im Landkreis eine geeignete Immobilie gesucht und in Zabeltitz gefunden, dem kleinen Ort 25 Kilometer von Meißen entfernt. Der Besitzer des ehemaligen HO-Marktes (Handelsorganisation für Waren des täglichen Bedarfs) konnte überzeugt werden, sein 120 Quadratmeter großes Haus an die „Grosse Emma“ zu vermieten.

Was bietet die erste „Grosse Emma“?

Die drei Pioniere sind der Vermieter, eine Friseurin, die auch einen Paketdienst führt, und ein Lohnsteuerhilfeverein. Integriert ist eine Kaffeeküche, die alle Mieter und ihre Kunden nutzen können. Die Sparkasse bietet Geldautomat und Kontoauszugsdrucker sowie mehrmals wöchentliche Bankberatung. Bei der Ausstattung wurde Wert darauf gelegt, dass diese hochwertig, modern und schick ist. Die „Grosse Emma“ soll schließlich auch eine kommunikative Begegnungsstätte werden.

Seit 2010 gehört Zabeltitz zu Großenhain. Seither leben dort noch etwas mehr als 1.000 Menschen.

Der demografische Wandel zeigt in der Ortschaft bereits deutlich seine Spuren.

 I9 Förderung von Demografieprojekten

Als Sparkassen setzen wir uns engagiert und in Zusammenarbeit mit allen regionalen Partnern und Vertretern der Zivilgesellschaft dafür ein, neue, kreative Lösungen zu entwickeln, mit denen wir Arbeiten, Lernen, Leben und Altern in unserer Region neu gestalten und ein neues Miteinander etablieren können.

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Warum ist Zabeltitz der geeignete Platz?

In Zabeltitz selbst leben etwa 1.000 Menschen. Doch momentan entstehen am Ortsrand viele Einfamilienhäuser. Junge Familien, vor allem aus Dresden, entdecken den schönen Landstrich um Zabeltitz. Die Bevölkerungsprognose ist daher wieder positiv. Sie sollten sich über das kleine Dienstleistungszentrum in nächster Nähe freuen.

Was ist das Ziel der Sparkasse Meißen und des OSV?

„Wir hoffen, dass sich die ‚Grosse Emma‘ herumspricht“, so Andrea Kriebel, „dass das Projekt hier im Landkreis Meißen angenommen wird und sich weitere Partner finden.“ Längerfristig soll sich das flexible System auch in anderen Regionen etablieren. „Wir planen viele Grosse Emmas, für die nächste im westfälischen Wittgenstein werden gerade die Verträge ausgearbeitet“, so Dr. Alexander Conrad vom Ostdeutschen Sparkassenverband. Das Modellvorhaben Regio-LAB – das vom Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung gefördert wird – soll bundesweit Werkzeuge entwickeln, mit denen sich jeweils unterschiedliche Versorgungsstrukturen im ländlichen Raum schnell und wirksam aufbauen lassen. Denn die „Grosse Emma“ könne vermeiden, dass weitere Dörfer sterben, so Dr. Conrad.

Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Es wird eine zentrale Koordinierungs- und Zertifizierungsstelle geben, um die optimale Vernetzung von beteiligten Partnern in der Wirtschaft, den Kommunen und Landkreisen zu sichern. Die Stelle wird Standards definieren und gewährleisten, dass sie eingehalten werden.

Pioniere des Pilotprojekts: Andrea Kriebel, Vorstandsmitglied der Sparkasse Meißen, und Immobilienvermieter Manfred Engelmann.