Beteiligung

Wer kein Girokonto hat, hat es schwer. Um eine Wohnung zu mieten, einen Internetzugang einzurichten und Rechnungen zu bezahlen – für alles braucht man ein Girokonto. Selbst für einen Arbeitsplatz ist ein Konto unabdingbar. Welcher Arbeitgeber zahlt heute noch Gehalt oder Lohn bar aus? Kein Girokonto zu besitzen, macht es also unmöglich, sich am ganz normalen Wirtschaftsleben zu beteiligen. Diese Form der Ausgrenzung hat auch psychologische Folgen. Wer kein Girokonto hat, gehört nicht dazu, ist gescheitert, hat Schulden oder gilt als nicht vertrauenswürdig. Davon ist scheinbar nur eine Minderheit betroffen,

denn rund 99 Prozent aller Bundesbürger haben Zugang zu einem Girokonto. Da in unserem Land mehr als 80 Millionen Menschen leben, entspricht das fehlende Prozent aber mehreren Hunderttausend Menschen. Durch die große Zahl von Flüchtlingen in Deutschland hat sich die Anzahl der Menschen ohne ein Konto schlagartig erhöht. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Berichts an die Gesellschaft ist von mehr als einer Million Menschen auszugehen, denen Deutschland eine neue Heimat ist. Wie jeder andere erwachsene Mensch brauchen sie zur Beteiligung am gesellschaftlichen Leben ein Girokonto.

  Barsinghausen

Von Waffeln und Wirtschaftsleben

Die Sparkassen sind Vorreiter, wenn es um die sogenannten Bürgerkonten geht – und das europaweit. Zwar gibt es seit 1995 eine entsprechende Selbstverpflichtung deutscher Banken, jedem Bürger unabhängig von seiner wirtschaftlichen Situation ein Konto einzurichten. Konsequent umgesetzt haben dies in den vergangenen Jahren aber nur die Sparkassen.

Hilfe für Flüchtlinge mit Sachkenntnis, dem Bürgerkonto und guter Laune: Kundenberater Ferit Tarak von der Stadt- sparkasse Barsinghausen. 

Die Mitarbeiter der Stadtsparkasse Barsinghausen hatten sich viel Mühe gegeben. Die Waffeln waren gebacken und der Kakao gekocht. Dolmetscher standen bereit, aber ob auch wirklich die eingeladenen Flüchtlinge aus Syrien, Marokko oder Afghanistan kommen würden, wusste niemand. Sie kamen und es herrschte eine freundlich aufgeregte Stimmung. Vereinbart worden war dieser ganz besondere Tag der offenen Tür zwischen der Stadtverwaltung und der Sparkasse, weil Flüchtlinge, wie jeder andere auch, zur Beteiligung am gesellschaftlichen Leben ein Konto brauchen.

Aber: Auch in einer Stadt wie Barsinghausen benötigen nicht nur Flüchtlinge unkompliziert ein Girokonto ohne große Hürden. Dazu kommen Menschen, die gar kein Einkommen haben oder zum Beispiel privatinsolvent sind. „Wir haben seit einiger Zeit eine langsame, aber stetige Zunahme der Bürgerkonten bei uns“, sagt Martin Wildhagen. Der Pressesprecher der Stadtsparkasse Barsinghausen und seine Kollegen beobachten seit Jahren, dass es immer mehr Menschen gibt, die nicht ohne Weiteres ein Konto eröffnen können: „Die Gründe dafür und die Schicksale dahinter sind vielfältig. Die Abhängigkeit von Transferleistungen oder die Altersarmut gehören zum Beispiel dazu.“ Dass es sich dabei um einen Trend in der Region handelt, stellt zum Beispiel auch die örtliche Tafel fest. Deren Kundenzahlen steigen ebenfalls, so Wildhagen.

Warum wird überhaupt ein besonderes Bürgerkonto gebraucht? Wer in Deutschland ein Girokonto eröffnen will, muss dazu Verschiedenes nachweisen. Zum Beispiel einen festen Wohnsitz und vor allem Bonität. Das können jedoch einige Menschen nicht. Dies hat zur Folge, dass sie ohne Konto nicht am normalen Wirtschaftsleben teilnehmen können. Eine Wohnung zu mieten oder einen Arbeitsvertrag abzuschließen ist so oft unmöglich.

In der Stadt Barsinghausen nutzen rund 150 Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit ein Bürgerkonto. Dazu kommen 270 Flüchtlinge. „Diese Zahlen verändern sich aber im Fall der Flüchtlinge laufend, da nicht alle bleiben“, sagt Martin Wildhagen. Insgesamt hält sich der Anteil der Bürgerkonten aber trotz allem in Grenzen, wenn man die Gesamtzahl der 11.000 Privatkonten der Sparkasse als Maßstab nimmt. Wenn die Zahl der Bürgerkonten auch eher klein ist, hat sie doch für die Betroffenen eine große Wirkung: „Man hört wirklich viele traurige Geschichten“, sagt Ferit Tarak, der Kundenberater bei der Stadtsparkasse Barsinghausen ist und selbst einen kurdischen Hintergrund hat. 

In der Stadt Barsinghausen haben rund 270 Menschen, die aus ihren Heimatländern geflohen sind, ein Konto bei der Sparkasse eröffnet.

„Auch deshalb ist es wichtig, dass wir den Menschen einen selbstständigeren Umgang mit Geld ermöglichen“, ergänzt er. Ziel des Tags der offenen Tür in Barsinghausen war es, Menschen in sehr schwierigen Situationen zu helfen. Das ist Dank der Sparkassenmitarbeiter und dem Bürgerkonto gelungen.

Die Haltung der Sparkassen in Deutschland zum Bürgerkonto ist klar und dokumentiert: „Die Möglichkeit der Nutzung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs ist ein wichtiger Bestandteil des Wirtschaftslebens, der allen Bevölkerungskreisen unabhängig von der Höhe des Einkommens oder Vermögens zugänglich sein sollte.“ So steht es nachzulesen in der „Erklärung der deutschen Sparkassen zum „Bürgerkonto“. Damit sind die Sparkassen in Deutschland freiwillig schon lange einen großen Schritt weitergegangen als andere Banken. Sie sind nun zum 18. Juni 2016 gesetzlich verpflichtet, allen EU-Bürgern ein Basiskonto zur Verfügung zu stellen.

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Das Bürgerkonto

Das Bürgerkonto der Sparkassen ist ein Guthabenkonto, mit dem man Geld überweisen, Lastschriften einziehen lassen und Beträge mit der SparkassenCard zahlen kann. Die Sparkassen haben sich dazu verpflichtet, jeder Person in ihrem Geschäftsgebiet auf Wunsch ein Bürgerkonto einzurichten. Dies ist unabhängig von persönlicher Situation, Einkommen, Alter oder Nationalität. Es ist nicht möglich, sich mit dem Bürgerkonto zu überschulden, weil das Bürgerkonto grundsätzlich auf Guthabenbasis geführt wird.

Das bedeutet, dass es nicht überzogen werden kann. Das Bürgerkonto bei den Sparkassen bietet einen weiteren Vorteil: Es ist, wenn es als Pfändungsschutzkonto geführt wird, pfändungsfrei. Guthaben bis zu einer Höhe von 1.073,88 Euro je Kalendermonat können so nicht gepfändet werden. Die Betroffenen können also bis zu dieser Höhe uneingeschränkt ihre Miete, die Gas- und die Stromrechnung bezahlen. Abgelehnt oder gekündigt werden kann ein Bürgerkonto nur aus wichtigen Gründen – etwa, weil Dienstleistungen missbraucht oder vereinbarte Kontoführungsentgelte nicht bezahlt wurden.